Apr 10, 2015 - Charaktere    1 Comment

Alleskönner, Alleswisser

I
st euch das auch schon mal passiert? Ihr habt euch einen Charakter in einem (Mehrspieler-)RPG erstellt, ihm gewisse Eigenschaften und Fähigkeiten gegeben um die Truppe ein bisschen aufzumischen und dann setzen sich die anderen allwissenden Alleskönner-Charas permanent über diese hinweg?

Okay werden wir etwas genauer. Die am stärksten ausgeprägte Eigenschaft deines Charakters ist sein schauspielerisches Talent. Er lügt überzeugend, ist dabei nicht auffällig, sondern ganz natürlich. Er hat jeden Muskel an sich unter Kontrolle, seine Gestik, seine Mimik, seine Atmung, seine Stimme. Bei alldem ist er keine besonders perfekte Persönlichkeit – er ist selbstsüchtig, nutzt die Menschen aus und verbirgt hinter seiner Fassade einen ausgeprägten Egoismus. Doch das wissen nur die Spieler selbst, weil sie den Steckbrief gelesen haben und nicht ihre Charaktere. Eigentlich.Nun trifft unser Schauspieler im Play auf die anderen Charaktere. Keiner von ihnen ist ein ausgewiesener Menschenkenner oder verfügt über einen eingebauten Lügendetektor, auch kennt niemand von ihnen euren Helden, nicht einmal vom Hörensagen. Und trotzdem ist allen anderen Charakteren schon bei der ersten Begegnung klar, dass euer Charakter nicht ehrlich ist, dass er Geheimnisse hat, dass er nicht der ist, der er vorgibt zu sein, obwohl euer Held sich durch nichts verraten hat.

Das kann schon frustierend sein.

Aber warum machen die Leute das und warum merken sie es meistens nicht einmal?

Ich habe den Eindruck, dass Spieler ungerne wollen, dass ihre Charaktere eine Schwäche entblößen. Schwächen sind ein guter Unterpunkt im Steckbrief, aber sie wirklich ausspielen? Gott bewahre! Dein Chara schießt auf meinen? Pah, daneben! Dein Chara lügt meinen an? Oh, ich rieche den Braten, nicht mit mir! Mein Chara ist betrunken? Vergiss es, er wird nichts falsches sagen oder tun. – Etwas überspitzt, zugegeben, aber im Grunde ist das die Basis auf der viele ihre Charas spielen.

Warum nicht einmal zulassen, dass dein Charakter getäuscht wird, verletzt wird, einen Fehler macht, eine falsche Entscheidung trifft, sich unmoralisch verhält?

Genau diese Situationen sind es doch, die unendlich viele Möglichkeiten bieten, Spannung und Dynamik in die Geschichte zu bringen. Das sind die Situationen, den Charakter wachsen zu lassen. Man kann sich nicht entwickeln, wenn man von Anfang an perfekt ist, wenn man nie danebentritt. Und wenn das heißt, dass einem anderen Charakter etwas gelingt (meinen hereinzulegen zum Beispiel), dann gestehe ich ihm das doch gerne zu. Wir sind doch keine Konkurrenten in einem ‚Wessen Charakter ist Chuck Norris überlegen?‘-Wettstreit – sondern Spielpartner. Wir wollen einander unterhalten, amüsieren, emotional berühren.

Was sind eure Erfahrungen? Und wie geht ihr damit um, wenn andere nicht zulassen, dass ihr so etwas ausspielt?

1 Kommentar

  • Hallo 🙂

    Ich habe heute deinen Blog entdeckt und all deine Beiträge gelesen.

    Die Thematik mit den Schwächen kenne ich ziemlich gut. Vor allem finde ich auch einen anderen Aspekt recht amüsant: die Tatsache, dass oftmals auch einfach Schwächen gewählt werden, die, genauso wie im Lebenslauf für die zukünftige Arbeitsstelle, keine „echten“ Schwächen sind. Oder aber Schwächen, die, wenn man sich als Playpartner nicht sehr viel Mühe gibt, niemals Ingame passieren werden.

    Es ist immer schade, wenn Spielerwissen sich mit Charakterwissen überschneidet. Andererseits ist es auch manchmal schwer jemanden etwas ausspielen zu lassen. Nicht etwa, weil man es nicht zulassen möchte, sondern weil es schlicht und ergreifend nicht geht.
    Ich erinnere mich da an einen Charakter, der laut Steckbrief ziemlich geschickt schauspielern bzw. täuschen konnte. Nur leider wurde das nicht überzeugend gespielt und hat es regelrecht unmöglich gemacht, dass mein eigener Charakter sich hätte täuschen lassen.

    Liebe Grüße
    Raccoon

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