Apr 20, 2016 - Charaktere    2 Comments

Beitragsserie: Charaktere erstellen (1)

Charaktere sind das Herzstück unserer RPGs. In Büchern finde ich sie sogar beinahe noch wichtiger, als die hauptsächliche Story… habt ihr euch schon mal ein Mehrspieler-RPG angeschaut, die bereits vorhandenen Charaktere durchgeblättert und dann gedacht ‚Ne… da ist so gar keiner dabei, der mich auch nur ansatzweise interessieren würde‘? Wir kommen also nicht drumherum, interessante Charaktere zu entwerfen, wenn wir unsere Mitspieler zum Schreiben verführen wollen. Wie geht man das an? Was gibt es zu beachten? Welche Klischees gilt es zu umgehen? Wie finde ich frische Ideen? Und warum zur Hölle gibt es im gesamten Internet kein Bild, das zu meinem Chara passt? Diese und weitere Fragen möchte ich in dieser Beitragsserie ein wenig beleuchten.

Teil 1 – Was macht Charaktere überhaupt interessant?

Tja, gute Frage. Eine, die man sich als Autor generell öfter mal stellt. Um eine Ahnung davon zu bekommen, habe ich irgendwann angefangen, bei neuen Tv-Serien oder Romanen die ich las, darauf zu achten, wann der Moment war, in dem ich einen Charakter anfing zu mögen oder interessant zu finden – eben eine Verbindung aufzubauen. Ab wann war mir der Chara nicht mehr egal?

Hier heißt das Schlüsselwort normalerweise ‚Sympathie‘. Das heißt nicht, dass sorgfältig erstellte Charaktere immer gute Menschen sein müssen… aber dazu kommen wir noch. Lassen wir die Sympathie erst mal so stehen.

Wie entsteht so etwas beim Leser?

Gemeinsamkeiten: Wenn man sich mit jemandem identifizieren kann, wenn es Anknüpfungspunkte gibt, mag man einen Charakter tendenziell eher. Nun weiß man normalerweise nicht, mit welchen Arten von Menschen man es als PP zu tun bekommen wird, also kann man sich schlecht auf Fahrradfreaks, Hippies und Theater-Liebhaber gleichermaßen einstellen. Der Punkt ist also eher eine Sache des Zufalls… wobei…

Probleme: Jeder von uns kennt und hat doch Probleme, oder? Der Chara liegt mit seinen Eltern im Streit. Oder mit seinen Geschwistern. Er hat einen sehr eifersüchtigen Partner. Oder er steht auf der Arbeit unter großem Leistungsdruck. Vielleicht hat er auch Schulden. Oder er trauert um jemanden oder etwas. Liebeskummer? Heimweh? Fernweh? Es gibt Situationen im Leben, die fast jeder schon mal erlebt hat. Auch das kann man als ‚Gemeinsamkeit‘ werten. Hinzu kommt, dass Probleme generell Spannung erschaffen. Wie geht das mit dem eifersüchtigen Partner weiter, wenn der Chara im RPG jemanden kennenlernt, der ihn wirklich interessiert? Vielleicht könnte mein Chara derjenige sein. … Wie überwindet der Chara wohl seine Ängste? Was? Er ersäuft sie im Alkohol? Das wäre doch ein Fall für meinen Doktor mit Helfersyndrom 😉

Expertise: Charaktere, die besonders gut in einem speziellen Bereich sind, sind meistens interessanter als andere. Sherlock Holmes ist durch seine Deduktionsfähigkeiten ein echtes Genie, auch wenn er im Original-Roman ansonsten ein weniger sympathischer Charakter ist. Das ist auch der Grund dafür, dass wir die Geschichten von Watson erzählt bekommen, mit dem wir als ‚Normalo‘ uns besser identifizieren und anfreunden können. Sherlock ist faszinierend, aber Holmes ist unser Zugang zu ihm. Da wir im RPG kaum zwei Charas für den einen Zweck erstellen wollen, sollte also auch ein Experte noch andere Seiten haben, damit wir uns mit ihm verbinden können. Bedenke hier: Weniger ist mehr. Wenn der Chara zu vieles zu gut kann, wird er schnell zur Sue. Und die mag fast keiner 😉

Eigenarten: Quirks, Ticks, Macken… das gewisse Etwas. Und damit meine ich nicht die violetten Augen mit goldenem Schimmer in der Mitte der Iris. Ich meine zum Beispiel Ls (Death Note) Süßigkeitengier, die Art wie er ’sitzt‘ oder Telefone hält. Seine Augenringe. (Hier haben wir übrigens auch wieder einen Experten)

Ziele!: Charaktere, die etwas wollen, sind spannend. Mir zumindest sind auch im richtigen Leben Leute sympathisch, die sich für etwas begeistern und aufraffen können, die aufblühen und euphorisch werden, wenn sie davon reden. Oder denen man einfach anmerkt, dass sie etwas mit Entschlossenheit tun. Naruto will Hokage werden. Und Vegeta stärker als Son Goku. Das sind nicht die konkretesten Ziele, aber wenn wir an diese Charas denken, fällt es uns doch sofort ein. Übrigens haben feste Ziele und Wünsche eines RPG-Charakters auch meist den zusätzlichen Vorteil, dass sie Gesprächsthemen eröffnen, wenn einem sonst nicht so viel einfällt. Andere Spieler finden so außerdem etwas, an das sie anknüpfen können – Dinge beitragen, die dem Chara helfen können… oder Dinge tun, die ihm eventuell Steine in den Weg legen – die Grundlage für interessante Play-Situationen!

Eigenschaften: Es gibt bestimmte Charakterzüge, die mehr Spielpotenzial eröffnen, als andere. Darauf gehen wir in einem späteren Beitrag dieser Reihe nochmal ein, aber vorab schon einmal ganz schlicht: Extrovertierte Charaktere lassen sich leichter anspielen und integrieren, als verschlossene kalte Eisklötze. Tollpatschige Helden sorgen für mehr Überraschungen, als welche, denen alles gelingt. Wie gesagt, wir reden noch eingehend darüber – Geduld, junger Padawan.

Geheimnisse: Ein Hinweis noch bevor wir heute auseinandergehen – schreibt nicht unbedingt die komplette Biographie eures Charas in seinen Steckbrief. Es ist gut, wenn ihr sie kennt, aber den anderen Spielern nimmt es eventuell doch ein wenig die Neugier, wenn sie das Gefühl haben, bereits alles zu wissen und durch das Play nicht mehr großartig überrascht werden zu können (auch wenn das vielleicht gar nicht so wäre).

2 Kommentare

  • Gefällt mir schon sehr gut. 😀
    Ich würde hier ergänzend noch sagen: Interessen
    Vor allem Charaktere, die ganz ungewöhnliche Dinge mögen, wo Charaktere zwangsweise nachfragen müssen.
    Zum Beispiel ein Instrument beherrschen, das einfach Niemand kennt. Oder ein Hobby. Jeder zweite Charakter kann Klavier spielen, was ich mittlerweile super langweilig finde.
    Ich finde es immer schön, wenn man merkt, dass sich Jemand richtig arg mit seinem Charakter und der Thematik auseinandergesetzt, Nachforschungen betrieben hat, etc.
    Und wenn das dann auch noch stimmig ist: Perfekt.
    Außerdem sollte Aussehen, Name und Charakter immer zusammenpassen. Einen 2 meter hohen, ein Meter breiten Kerl als 1,60m kleinen, supersüßen kleinen Jungen zu verkaufen, finde ich immer schwerst lächerlich. Hinzu kommen die Charaktereigenschaften. Die sollten sich nicht wiederholen und auch nicht gegenseitig außer kraft setzen….

  • Ich finde bei all diesen Dingen geht es im Grunde genommen um Arbeitsaufwand. Wenn ich mir mühe gebe versuche mich in meinen Charakter hinein zu versetzen und ich mir länger als 2 Minuten Gedanke gemacht habe, dann wird mein Charakter auch interessant.
    Immer im Hinterkopf keine Sue zu erschaffen, wie du schon angemerkt hast!
    Aber all die Punkte die du aufgezählt hast haben eben mit Arbeitsaufwand zu tun. Wobei ich nicht sagen würde, dass es sich hierbei um eine Gerade handelt. Also mehr Arbeitsaufwand gleich interessanter Charakter. Nein, ich denke eher ans Pareto-Prinzip 😉

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