Jan 6, 2017 - Charaktere    3 Comments

Beitragsserie: Charaktere erstellen (2)

Der allseits beliebte Steckbrief stellt Spieler immer wieder vor Herausforderungen. Nicht nur das Design und die Formatierung (Oh Gott, danke für die neuen Befehle, RPGLand!) sondern vor allem das Befüllen mit Inhalt. Machen wir uns nichts vor – viele wirken lustlos und detailarm. Einfach schnell Haarfarbe und Größe reingeschrieben und auf geht’s. Mancher findet vielleicht selber, dass seinen Steckbriefen das Gewisse Etwas fehlt, kann aber nicht den Finger auf die Stelle legen, an der es hakt. Vielleicht findet ihr euren Problempunkt ja in Teil 2 meiner Beitragsserie zur Charaktererstellung?

Das Aussehen

Okay, Frage an alle: Wie oft habt ihr gelesen, dass ein Charakter ein „sportliches“ Aussehen hat? Okay, Hände wieder runternehmen. Die meisten Charas sind groß, schlank und wohlgeformt. Ich verstehe schon – die wenigsten haben Bock drauf, in die Haut eines hässlichen Protagonisten zu schlüpfen. Aber man muss ja nicht gleich von einem Extrem ins andere fallen. Wie wäre es wenn euer männlicher Chara mal nicht zwischen 1,78 und 1,85 groß wäre? Ein etwas kleinerer Mann bietet interessante Möglichkeiten für psychologische Besonderheiten. Wie kommt er damit klar, dass die meisten Männer, oder vielleicht sogar Frauen, größer sind als er? Versucht er, es mit Kleidung (Plateaus) und Frisur (Hochtoupieren) auszugleichen? Oder geht er ganz offen und humorvoll damit um? Findet er sich unmännlich und leidet insgeheim darunter?

Oder ein besonders großer Charakter. Es kann den Alltag ganz schön erschweren, wenn man riesig ist. Man stößt sich vielleicht häufig den Kopf, oder die Leute starren einen dauernd an. Was wenn euer sehr großer Charakter im Kontrast dazu über ein sehr kleines Selbstbewusstsein verfügt? Es muss extrem anstrengend sein, die Blicke auszuhalten, wenn man eigentlich möglichst unsichtbar sein will.

Die Körpergröße ist nur ein Beispiel. Es gibt hundert andere Dinge, die ihr ändern und wo ihr mal ein bisschen von der Norm abweichen könnt. Was wäre mit einem Charakter mit einer Handprothese? Oder ein Charakter der so kurzsichtig ist, dass er ohne Brille quasi blind durch die Gegend läuft? Oder schlicht und ergreifend jemand, der eben nicht ausnehmend hübsch ist, sondern ganz und gar durchschnittlich? Ich will hier nicht dazu aufrufen, nur noch optische special-snowflake-Charas zu erstellen, die einarmig, einbeinig und kleinwüchsig durch die RPGWelt laufen… bitte seht alles nur als Denkanstöße, oder als Regler, an denen ihr ein bisschen herumschieben könnt.

Die „Likes“ und „Dislikes“

Eine Kategorie die gerne ohne großes Nachdenken abgehandelt wird. Einige sind der Meinung, dass die Sparte sowieso keine Rolle spielt, weil viele der Dinge niemals im Spiel auftauchen und somit ausgespielt werden. Klar, kann passieren. Aber selbst wenn mein Arachno-Phobiker niemals mit seiner Angst konfrontiert werden wird, ist es doch ein Detail, das ihn für uns als Leser echter wirken lässt und dem Playpartner Hinweise liefert, wie er eine Spielsituation vielleicht beeinflussen könnte.

Zur Wahl der Likes und Dislikes gibt es eine Sache, die ich schon immer mal sagen wollte: Sucht euch verdammt nochmal nicht nur Dinge aus, die mehr oder weniger selbstverständlich sind. Notizen wie „belogen/betrogen werden“, „ihm gegenüber feindlich gesinnte Menschen“ oder „verschimmeltes Essen“ sind relativ überflüssig. Oder kennt ihr eine einzige Person, die verschimmeltes Essen mag? Oder die sagt ‚Ich hab nichts dagegen, betrogen zu werden‘? Wohl eher unüblich. Das sind also Dislikes, die wenig bis gar nichts aussagen. Interessante Likes und Dislikes sind also Dinge, die eben nicht selbstverständlich sind und den Leser eventuell die Stirn runzeln lassen. Wie wäre es mit „Katzenbabys“ als Dislike? Vielleicht ist der Chara extrem genervt von den ständig kursierenden „süßen“ Katzenbildern, die in den Sozialen Netzwerken kursieren? Vielleicht stand seine Ex-Freundin total auf den Scheiß? Wer weiß. Aber es funktionieren auch nicht nur solche gegenteilig wirkenden Einträge, sondern auch Dinge, die durch ihre Detailliertheit auffallen. Wie wäre es mit „Ahornblätter“ als Like? Was ausgerechnet Ahornblätter? Warum nicht allgemein ‚Herbstlaub‘? Das ist schön bunt. Nein, der Chara mag im Speziellen Ahornblätter, vielleicht erinnert ihn die Form an etwas, vielleicht ist er Kanada-Fan oder vielleicht verbindet er mit dieser Baumart eine gute Erinnerung aus der Kindheit.

Wenn man solche Likes und Dislikes wählt – finde ich jedenfalls – braucht man auch nicht riesige Horden davon. Mir sind 3 bis 4 gut gewählte Details lieber, als 10 nichtssagende.

Die Familie

„Familie. Das auch noch… ach komm… ‚verstorben‘, ‚verschollen’… fertig.“ – So oder so ähnlich läuft es bei vielen Leuten ab, wenn sie den Punkt denn überhaupt in ihren Steckbrief aufnehmen. Warum denn? Für die dramatische Kinderheim- und Pflegeeltern-Vergangenheit? Oder einfach aus Bequemlichkeit, weil man keine Lust hat, sich noch mehr auszudenken? Aber gerade hier sollte man nicht sparen, denke ich. Die Eltern, die Familie, die Erziehung prägen uns für gewöhnlich sehr. Man muss ja keinen A4-Seiten füllenden Lebenslauf für die Eltern schreiben, aber einen Namen, ein Alter und vielleicht einen Beruf dürfen sie doch haben, oder? Sind die Eltern Professoren? Banker? Freischaffende Künstler? Arbeitslos? Arm aber glücklich? Viel beschäftigt? Wie viele Geschwister hat der Chara? Und wie hat es sich auf seine Persönlichkeit ausgewirkt, der Älteste zu sein, oder der Jüngste? Gibt es Konflikte mit der Familie, Vorwürfe, Geheimnisse? Gibt es Streit zum Beispiel aufgrund der Berufswahl, der Partnerwahl, der Weltanschauung oder irgendwelcher anderer Dinge, die der Chara getan oder entschieden hat? Gibt es vielleicht ein Familienmitglied, das gepflegt werden muss? Drückt der Chara sich darum? Oder opfert er sich für seine Familie auf? Auch hier wieder: Regler verschieben – es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern viele kleine Zwischenstufen. Wählt die für euch passende aus!

Ach ja und es gibt auch nicht nur Eltern und Geschwister. Was ist, wenn der Chara eine besondere Bindung zu seiner Oma hat? Oder zu einem Cousin? Patenonkel? Schwiegermutter? Auch das kann frischen Wind in den Steckbrief bringen.

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3 Kommentare

  • Gute Tipps 😉 nichts, was ich persönlich nicht schon berücksichtige, aber für Andere sicher Gold wert

  • Ich liebe diesen Blog und es bricht mir immer wieder das Herz, dass hier so wenig los ist. Ich fänd’s toll, wenn hier viel mehr gepostet werden würde. Würde mich sogar anbieten, da ein wenig auzuhelfen, da ich eigentlich selbst gerade an so einem Blog arbeite, aber noch nicht all zu weit gekommen bin.
    Hier noch ein paar Ergänzungen:

    Ziele & Motivation
    Hat dein Charakter kein Ziel, gib ihm eins! Es ist wichtig, um die Story voranzutreiben. Jemand der nach nichts strebt, wird sich im Endeffekt immer nur auf einer Stelle bewegen. Langzeitziele sollten also immer vorhanden sein, können sich aber auch mal ändern. Sie sollten daher auch nicht auf dem Silbertablett serviert werden, da die Story sonst sehr schnell abgearbeitet ist. Wenn ein Obdachloser sich das Ziel setzt, wieder auf die Beine zu kommen und eine Wohnung zu besitzen, ist es nicht gerade förderlich, wenn man dieses innerhalb von 10 Postings erreicht hat. Das lässt das RPG/die FF
    sehr schnell sinnlos erscheinen. Außerdem sollten die Ziele abhängig von den Handlungen der anderen Charaktere sein. Denn wenn der Charakter sowieso alles allein schaffen kann, gibt es ja keinen Grund, ihn irgendwo einzubringen. Es wird schnell langweilig werden.
    Aber mindestens genauso wichtig ist eine Motivation. Warum will der Charakter tun, was er eben tun will? Es könnte eine negative Emotion wie Angst, Schuld oder Bedauern sein; Ein negatives Merkmal wie Stolz, Eitelkeit oder Gier; Oder eine positive Emotion wie Liebe, Entschlossenheit oder Leidenschaft. Was auch immer der Fall ist; Indem Sie Ihrem Charakter eine Motivation geben, erscheint er gleich wesentlich realistischer und nachvollziehbarer.

    Verbindungen
    Indem man seinen Charakter abhängig von anderen macht (und im besten Fall auch umgekehrt) kann man Problemlos Konflikte einbauen, ohne Angst haben zu müssen, dass sich die Charaktere einfach trennen und die Story im Sand verläuft. Zum Beispiel könnten Charakter A und Charakter B Ein Abenteurer und eine Navigatorin sein. Sie weiß wo er hin will und hat das gleiche Ziel, kann den Ort aber alleine nicht betreten. Er hat die MAcht, den Ort zu betreten, weiß aber nicht, wo er liegt. Gemeinsames Ziel verbindet die Charaktere und sie können noch so schäußlich zueinander sein. Im Endeffekt müssen sie sich miteinander auseinandersetzen, wobei meist sehr interessante Szenen entstehen. Es wird nicht auf Dauer langweilig, da man sich nicht wirklich traut, Konflikte einzubauen, aus Angst, die Charaktere würden sich (wenn man sehr realistisch spielen möchte) trennen und nicht mehr zueinander finden.
    Hierzu sei noch etwas gesagt: Wenn Charakter A Charakter B etwas beibringt, entstehen wesentlich bessere Szenen, als wenn beide Charaktere einfach alles bereits können. Lasst sie voneinander lernen, scheitern und einen gewissen Ehrgeiz entwickeln. Lasst sie nicht einfach schon die Fähigkeiten, die sie brauchen, alle besitzen. Die Gegenwart ist wichtig und treibt das RPG/die FF voran. Ob Charakter B in der Vergangenheit mal Bogenschießen gelernt hat, interessiert den Leser nicht. Lasst sie dabei sein. Es ist guter Füllstoff für das RPG / die FF und wird euch mehr Spaß bringen!

    • Liebe Eldarya,

      vielleicht können wir uns ja zusammentun. Bitte schreib mir doch eine Mail an Kontakt@Probepost.de falls du Interesse hast.

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