Jun 14, 2015 - Charaktere    No Comments

Harmoniebedürfnis vs. Spannung

Obwohl wir sie uns vielleicht manchmal für unser reales Leben herbeisehnen: Die heile Welt mit Friede-Freude-Eierkuchen-Lebensart langweilt in RPGs doch eher. Trotzdem gibt es Spieler, die scheinbar alles dafür tun, sie zu erschaffen oder möglichst schnell zu erreichen. Warum ist das so und warum stört uns ‚andere‘ Spieler das?

Spannung entsteht aus Problemen

Da ist es wieder wie in Büchern, Filmen, Serien… Spannung entsteht nicht, wenn Dinge glatt laufen, wenn alles funktioniert und keine Wolke am Himmel steht. Das Gegenteil ist der Fall. Das Experiment kann jeder selber machen: Erzählt euren Freunden/Arbeitskollegen/Nachbarn von eurem (fiktiven) letzten Urlaub. Erzählt einigen Leuten Geschichte A und einigen Geschichte B.

Geschichte A

Unser Flug war einwandfrei. Am Flughafen wurden wir wie vereinbart pünktlich von dem freundlichen Mitarbeiter des Shuttle-Service abgeholt und kamen pünktlich beim Hotel an. Die Zimmer waren sauber und groß, echt bequem – wir konnten uns gleich wie zu Hause fühlen – und das Essen dort war auch toll. Das Wetter war wie im Katalog, Sonne und blauer Himmel und wir konnten jeden Tag im Meer schwimmen gehen.

Geschichte B

Unser Shuttle-Taxi erlitt auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel einen Motorschaden, sodass wir mitten auf der Schnellstraße liegen bleiben. Der Fahrer konnte nicht mal unsere Sprache und dann fing es auch noch an, zu stürmen und zu gewittern, dabei waren wir für heißes Wetter gekleidet. Unsere Handys hatten keinen Empfang und wir mussten es pünktlich zum Check-In schaffen, damit unsere Zimmer nicht weitervermietet werden…

Über Geschichte A wird man lächeln, sich vielleicht für euch freuen und das war es dann. Bei Geschichte B wird es zumeist interessierte Nachfragen der Sorte „Und dann?“ oder „Habt ihr es noch pünktlich geschafft?“ geben und sich die Unterhaltung noch weiterentwickeln. Nicht die Geschichte in der alles perfekt ist, lässt den Zuhörer mitfiebern, sondern die, in der möglichst viele Probleme auftauchen. Das ist die Natur der Sache.

Das heißt natürlich nicht, dass man in jedem Posting etwas explodieren lassen muss. Auch Konflikte und Probleme wollen gut dosiert werden. Aber der Grundsatz: „Perfekt ist langweilig“ sollte hier schon klar werden.

Es müssen nicht immer Naturkatastrophen sein…

Nein, man muss jetzt nicht das Repertoire eines Actionfilms auspacken, um die Geschichte spannend zu halten. Was oft noch interessanter ist, sind eigentlich die stillen, leisen Probleme – die inneren Konflikte. Verdeutlichen wir das an einem Beispiel.

Sally hat kürzlich den Arbeitsvertrag einer renommierten Anwaltskanzlei erhalten – sie bekommt die Stelle. Etwas, das ihre Eltern sehr stolz und glücklich machen wird und ihr eine glänzende Karriere verspricht. Eine Woche nach Arbeitsantritt lernt sie in ihrer Freizeit John kennen, einen Tierpfleger und leidenschaftlichen Umweltschützer, der in Windeseile ihr Herz erobert. Sallys Eltern mögen den jungen Mann nicht, weil er weniger Geld verdient und seine Arbeit doch eher eine dreckige ist. Doch Sally bleibt trotzdem mit ihm zusammen. Knifflig wird die Sache dann, als Sallys Chef nach einigen Monaten den Auftrag an Land zieht, die Interessen eines großen Industriegiganten zu vertreten, der das Gebiet am Stadtwald für Bauzwecke nutzen möchte. Es ist das selbe Gebiet, für dessen Erhaltung und Schutz sich Johns Umweltgruppe seit Monaten stark macht.

Soll Sally nun zu ihrem Mann halten, vielleicht sogar absichtlich die Pläne der Firma sabotieren? Oder soll sie zum Wohle ihrer Karriere ihre Arbeit machen und damit die Beziehung gefährden? Was würden ihre Eltern sagen, wenn sie wegen eines Mannes ihre Karriere und ihren Ruf für ein paar Pflanzen und Nagetiere aufs Spiel setzt? Was wäre wenn Sally während dieser Zeit auch noch feststellt, dass sie schwanger ist? Sie braucht das Geld nun umso mehr, aber genauso die Unterstützung durch ihren Mann und am liebsten auch den Rückhalt ihrer Familie. Außerdem tut der Stress ihrer Schwangerschaft womöglich nicht gut…

Es ist eine relativ klischeehafte Geschichte, aber ich denke, als Beispiel erfüllt sie ihren Zweck. Wir haben hier mehrere Parteien und Ziele, zwischen denen unsere Figur Sally wählen muss. Sally steht zwischen den Wünschen ihrer Eltern, ihrem eigenen Wunsch nach finanzieller (beruflicher) Sicherheit, ihrem Wunsch nach Liebe und Partnerschaft und irgendwo auch ihrer eigenen Moral. Was auch immer sie tut oder entscheidet wird Einfluss auf alle anderen Parteien und Beziehungen haben. Wenn sie ihren Arbeitsgeber unterstützt wirkt sich das negativ auf ihre Beziehung zu John aus, aber positiv auf ihre Karriere – und ihre Eltern wären sicher auch froh, wenn sie sich von John trennen würde. Andererseits liebt sie John und möchte auch sein Naturschutzprojekt unterstützen – und ihr Kind nicht ohne Vater aufwachsen sehen.

Hier ist nicht die Welt in Gefahr, es wird niemand ermordet und es gibt auch keine Vergewaltigungen und Entführungen – trotzdem ist die Situation spannend.

Charaktere mit Kanten und Fehlern

Das ist ebenfalls ein weites Feld. Viele Spieler geben an, dass sie Charaktere mit ‚Ecken und Kanten‘ mögen. Vielleicht geben sie ihren Charas sogar kantige Eigenschaften, negative Verhaltensweisen und so weiter – aber im Play bleibt oft dann nicht mehr viel davon übrig. Kühle Charaktere benehmen sich nach drei Posts plötzlich zahm und menschenfreundlich, Egoisten werden nett und uneigennützig und Bad Boys legen alle ihre alten Verhaltensweise binnen Tagen ab, weil sie ja soooo verliebt sind.

Und alles nur zum Wohle der Lovestory. Da gibt es keine Missverständnisse, keine Lügen, keinen Streit, da fliegen nie die Fäuste, es gibt keine Beleidigungen – im besten Falle tun die Charaktere geradezu gedankenleserisch genau das, was ihr Gegenüber gerne hätte. Sie entschuldigen sich, sehen ihre Fehler ein, legen ihre Vorurteile und Fehler ab – werden gar jemand ganz anderes. Aber das ist es nicht, was uns Spieler dauerhaft bei der Stange hält. Davon wird man nicht satt.

Natürlich will man gerade bei einer Romanze auch irgendwo, dass die beiden Charaktere sich näher kommen. Aber jeder Schritt aufeinander zu ist so viel mehr wert, und lässt sich dreifach schöner auskosten, wenn der Weg dahin schwierig war. Wenn es Rückschritte gab, wenn man dafür kämpfen musste – mit sich selbst oder gegeneinander. Natürlich schmerzt Drama auch manchmal den Spieler selbst. So geht es mir zumindest. Ich leide sehr mit meinen Figuren. Aber es hilft, dass ich weiß, dass am Ende des Weges ein Happy End wartet. Und das macht jeden einzelnen Schritt – egal ob vor oder zurück – zu einer Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Das alles ist auch Teil der Spannung.

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