Jun 27, 2015 - Charaktere, Schreibstil    2 Comments

Stimme, Charakter und Autor

Um einen Charakter gut darzustellen, um seine Rolle gut zu spielen, kommt es darauf an, dass wir seine Handlungen und Gedanken auf seine Eigenschaften abgestimmt beschreiben. Ein Egoist macht sich hauptsächlich Gedanken um sich selbst, nicht um andere. Ein ängstlicher Mensch macht sich öfter Sorgen, als ein lässiger. Wer eitel ist, betrachtet sich öfter mal in spiegelnden Flächen oder richtet seine Frisur, und, und und. Die Erzählstimme ist ein weiteres Werkzeug – eines, das oft gar nicht bewusst als solches betrachtet wird und doch so wirkungsvoll ist.

Verschiedene Stimmen für verschiedene Charaktere

Was ist mit ‚Erzählstimme‘ gemeint? Es ist die Art und Weise, wie der Text geschrieben ist. Ein sehr gebildeter Charakter benutzt andere Ausdrücke und Formulierunden, als einer, der auf der Straße aufgewachsen ist. Ein Mann denkt in anderen Strukturen als eine Frau – ein Kind anders als ein Erwachsener. Hier mal ein kleines Beispiel an einer einfachen Szene. Ein Charakter sieht im Flur eines Hauses eine Vase mit Blumen:

1) Es war ein ganz normaler Hausflur. In der Ecke stand eine schlichte Vase, in der ein Strauß Schnittblumen steckte und eine angenehme Atmosphäre verbreitete.

2) In Tante Agathas Flur standen Blumen. Sie waren so schön bunt und dufteten so gut, dass er mit großen Augen darauf zu ging und sie fasziniert betrachtete, bis jemand ihn weiterzog.

3) Natürlich standen die obligatorischen Blümchen in einer Ecke des Flurs. Teil einer heile-Welt-Fassade, für die Leute, die Agatha das abkauften. Naive Dummköpfe.

4) Blumen in einer Kristallglasvase zogen seinen Blick auf sich, sobald er die Wohnung betreten hatte. Der Schliff des Glases war so kunstvoll, dass er die Farbenpracht der Blumen nebensächlich wirken ließ.

Der Charakter in 1) zeigt die durchschnittliche neutral-freundliche Reaktion. Der zweite Charakter wirkt eher kindlich und vielleicht etwas naiv. Nummer drei ist das Gegenteil davon, er scheint verbittert zu sein. Und Charakter vier kennt sich ein bisschen mit Kunst und Stil aus. Man könnte noch dutzende solcher Ansätze schreiben und eine Vielzahl verschiedener Launen oder Eigenschaften darin spiegeln und das funktioniert mit jeder Situation und jedem Gegenstand.

Charakter und Erzähler unterscheiden

Ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass manche Spieler diese beiden Personen nicht unterscheiden. Wenn mein Charakter eine Meinung zu einem Thema vertrat, ging mein Playpartner davon aus, dies sei auch genau meine eigene Meinung. Wenn mein Charakter über die andere Spielfigur etwas negatives dachte, glaubte der Spieler, das käme von mir und ich würde den Chara nicht leiden können. Eben das ist der Fehler. Rollenspiel bedeutet, dass wir die Rolle einer anderen Person spielen. Dass wir uns in jemanden hineinversetzen, der anders tickt, anders denkt, andere Erfahrungen gemacht hat, als wir selbst. Er kann gar nicht immer so reagieren und denken, wie wir.

Wenn unsere Helden in einer schwierigen Situation stecken, zu der ich als Autor zwar eine Lösung wüsste, meinem Charakter aber das Vorwissen, die Kreatitität, die Ruhe oder schlicht die Intelligenz fehlt, um ebenfalls auf diese zu kommen – dann kann ich nicht mit dem Finger schnippen und ihn den Ausweg finden lassen. Das entspräche einfach nicht der Rolle. Genauso geht es in einer Romanze nicht, dass ich einen Charakter verbiege, ihn offener mache, als er eigentlich angelegt war oder ihn seine Prinzipien ignorieren lasse, weil die Situation aus Autorensicht gerade so schön für einen ersten Kuss wäre. Wenn die Charaktere noch nicht so weit sind, dann muss man eben noch warten.

Um das gut umzusetzen, muss man sich immer wieder neu in seinen Charakter hineindenken und vielleicht nochmal Revue passieren lassen, was er schon erlebt hat und wie seine Einstellung zu gewissen Themen momentan aussieht. Man neigt leicht dazu, zu sehr von sich selbst auszugehen und damit aus der Rolle zu fallen. Klar, keiner kann zu jeder Zeit und immer perfekt in seiner Rolle sein, ein wenig färbt hin und wieder die eigene Stimmung und Einstellung durch – aber wer sich zumindest darum bemüht und über diese Dinge nachdenkt, wird deutlich authentischere Charaktere zu Papier bringen, als jemand, der sich damit noch nie auseinander gesetzt hat.

2 Kommentare

  • Vielleicht könntest du noch ein Gästebuch oder ein Kontaktformular einrichten, damit man dich kontaktieren kann, ohne mit Kommentaren zu spammen, die vielleicht nichts unbedingt mit dem Inhalt zu tun haben. :>
    Wie wäre es noch mit dem Thema Steckbriefen? Inhalt, Design, Farbgestaltung, Aufbau etc.? Was ist ansprechend, was eher abschreckend..?

    • Hallo, danke für den Hinweis, ich werde mich darum kümmern! 🙂 Ansonsten kannst du mir aber auch gerne z.B. auf Twitter eine Nachricht schicken.
      Ja, Steckbriefe werde ich mir auch noch vornehmen, gute Anregung.

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