Mai 7, 2017 - Charaktere, Schreibstil    No Comments

Warum Gedankenlesen doof ist

Haben wir uns im Alltag nicht alle schon mal gewünscht, die Gedanken eines anderen Menschen lesen zu können? Wie praktisch das wäre… wir könnten unser Date oder den Partner ohne Worte verstehen und ihn glücklich machen. Wir wüssten es sofort, wenn uns jemand schlecht gesinnt ist oder uns belügt und könnten entsprechende Maßnahmen ergreifen. Wir wüssten, wie wir unseren Chef oder jeden anderen Menschen beeindrucken können. Und wir erführen alle Geheimnisse, Gründe und Hintergründe, die uns sonst vielleicht auf ewig verborgen blieben.

In RPGs nerven mich Charas, die Gedanken lesen. Viele tun es… und viele tun es, ohne dass ihre Spieler sich überhaupt dessen bewusst sind. Darum geht es in diesem Artikel.

Okay, wie sieht das ganz explizit aus? Ein Beispiel:

Ken und Barbie haben ein Date und gehen gehen im Park spazieren. Barbie sieht irgendwo einen Passanten, der ein Eis schleckt. Sie denkt darüber nach, dass sie jetzt auch gerne ein Eis essen würde. Aber sie sagt nichts darüber und überhaupt reden sie und Ken gerade eigentlich über Hundewelpen und es ist auch kein Eiswagen in Sicht. Im nächsten Post schlägt Ken dann spontan vor, einen Eiswagen zu suchen. – Zufall? Könnte sein.

Zweites Beispiel:

Peter und Hannes sitzen im Restaurant. Peter bezahlt und gibt offenkundig kein Trinkgeld. Gleichzeitig überlegt er sich schon, wie es mit ihrem Date jetzt weitergehen soll. Soll er versuchen, Hannes noch zu sich nach Hause einzuladen? Er fängt an, über das Wetter und die Uhrzeit zu reden, um das Gespräch in die richtige Richtung dafür zu lenken.

Hannes bezahlt ebenfalls sein Essen und denkt dabei darüber nach, dass es ihm peinlich ist, dass Peter kein Trinkgeld gegeben hat. Er fragt sich außerdem, was die Gründe dafür gewesen sein mögen. Ist Peter so knapp bei Kasse, dass er nicht mal das bisschen Geld übrig hat? Oder ist er knauserig? Ist er ein unhöflicher Typ? Oder hat ihm etwas am Service oder am Essen selbst missfallen? Er könnte nachfragen, aber er tut es nicht, um die Stimmung zwischen ihnen nicht mit einer Diskussion zu trüben. Stattdessen geht er auf das Gespräch über Wetter und Uhrzeit ein. Soweit so gut.

Nun ist Peter wieder dran und fängt plötzlich an, wieder über das Trinkgeld nachzudenken, obwohl das Thema für ihn im letzten Post gedanklich längst abgehakt war. Er denkt darüber nach, dass er eigentlich genug Geld hat, dass er nie geizig, sondern eigentlich ein großzügiger Typ ist, aber manchmal eben etwas schusselig, sodass er einfach vergessen hat, Trinkgeld zu geben. Dabei war das Essen echt lecker und der Service nett. Nach diesen ausführlichen Gedanken wendet er sich wieder dem aktuellen Gespräch zu.

Tada~ Peter hat Hannes‘ Gedanken gelesen UND sogar gedanklich beantwortet. Peter konnte nicht wissen, worüber Hannes nachdenkt und er hat überhaupt keinen Anlass sich quasi in seinen eigenen Gedanken zu rechtfertigen oder die Gründe für sein Handeln aufzuzählen. Warum sollte er das tun? Er tut es nur, weil der Spieler in Hannes‘ Post gelesen hat, dass Hannes sich darüber wundert. Und vielleicht auch, weil er verhindern will, dass Hannes bzw. dessen Spieler schlecht über Peter oder ihn denkt. Merkt ihr was? An dem Punkt sind wir nicht mehr in einem Rollenspiel… Peter hat seine Rolle verlassen, indem er sich des Wissens des Spielers bemächtigt hat. Und Peters Spieler hat vergessen, dass er nur eine Rolle spielt. Er sollte nicht davon ausgehen, dass Hannes‘ Spieler jetzt denkt er als Mensch hinter dem Charakter wäre geizig und würde nie Trinkgeld geben. Es ist schlicht und ergreifend Peter, dessen Rolle er schreibt.

Warum stört Gedankenlesen?

Weil es die Perspektive bricht. Wenn dein Charakter Gedanken liest und sie mit seinen eigenen beantwortet, fühlen wir uns beim Lesen nicht mehr, als würden die beiden Charas miteinander interagieren, sondern als würden wir als PPs miteinander diskutieren (und unsere Charaktere dafür als Werkzeuge benutzen). Das ist einfach nicht der Sinn der Sache. Wenn ich mit meinem PP über Trinkgeld oder irgendwelche gesellschaftlichen Themen diskutieren will, dann lieber per PN.

Ein anderes Problem ergibt sich, wenn der Charakter das Gedankenlesen benutzt, um seine Handlungen danach auszurichten. Er tut plötzlich Dinge, die dem anderen Charakter gefallen, obwohl es eigentlich nicht seine Art ist, sich so zu verhalten. Er tut das nur, weil der Spieler die Gedanken des anderen Charakters gelesen hat und möchte, dass sein eigener Chara alles möglichst perfekt und es dem anderen recht macht. Er weiß immer, worüber der andere nachdenkt, was ihm bewegt, was seine Wünsche sind … und er richtet sich genau danach. So kommt es nie zu Missverständnissen, nie zu Enttäuschungen, nie zu Streits oder Diskussionen, weil die Fronten immer geklärt sind und weil permanent Verständnis da ist. Aber so läuft es im Leben nicht. Wir können nicht in die Köpfe der anderen sehen, wir kennen ihre Beweggründe nicht.

Wenn wir erfahren, dass Charlotte Make-Up hasst, dann glauben wir vielleicht zuerst, dass sie geschminkte Menschen für oberflächlich hält. Vielleicht denken wir, dass sie arrogant ist, oder dass sie einfach selber zu faul oder zu desinteressiert ist, um etwas aus sich zu machen. Oder wir nehmen an, dass sie generell ein ungepflegter Mensch ist. Im besten Fall kommen wir zu dem Urteil, dass sie Natürlichkeit mag und Make-Up als eine Maske betrachtet, die sie stört. Der wahre Hintergrund ist vielleicht, dass sie die Tierversuche hinter den Produkten verurteilt. Oder dass sie als Jugendliche mal absolut daneben gegriffen hat und von ihren Mitschülern massiv ausgelacht wurde. Oder ihr erster Freund im zarten Alter von zwölf wollte sie nicht küssen, weil sie Lippenstift trug. Es gibt so viele kleine versteckte Gründe und wenn unser Charakter sie kennen würde, würde er anders reagieren, Charlotte anders einordnen, als wenn er sich selbst ein Urteil bilden muss.

Auf diese Art kommt es nie zu Konflikten. Alles ist wunderbar, alle sind glücklich und alle verstehen sich perfekt. Laaaangweilig!

Ich glaube, ein Grund für diese Sache ist, dass die Leute immer möglichst lange Posts schreiben wollen. Es ist einfach, auf die Gedanken des anderen einzugehen. Sie behandeln das wie einen Dialog und schon haben sie dreihundert Wörter mehr. Wenn sie nur auf die sichtbare, äußere Handlung eingehen würden, müssten sie selber mehr schreiben und mehr Aktion bringen, weil weniger Input für Reaktion da ist. Da greift also wieder die Faulheit bzw. Unwille, die Geschichte selber ein bisschen voranzutreiben.

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