Apr 14, 2018 - Allgemein    No Comments

Wie viel Realismus macht Spaß?

Ist euch schon mal aufgefallen, dass RPG-Charaktere fast nie aufs Klo gehen? Ich habe in meiner gesamten Karriere auch erst einmal einen PP gehabt, der in einem Nebensatz erwähnte, dass sein Chara sich am Morgen rasierte. Realismus wird von vielen gefordert, aber dabei wird gerne vergessen, dass es kein An/Aus-Schalter ist, sondern ein Regler … es gibt viele verschiedene Stufen. Schauen wir uns das mal genauer an.

Das ist doch logisch!

Ich denke, worin die meisten sich einig sein werden, ist, dass ein Charakter die Konsequenzen für sein Handeln tragen sollte. Wenn er aus dem Fenster im dritten Stock springt sollte er sich zumindest ein paar Brüche zuziehen und infolgedessen im Krankenhaus landen und nicht quietschfidel weiterlaufen. Wenn er sich maßlos besäuft, sollte er am nächsten Morgen einen Kater haben.

Ich will das aber so

Ein bisschen schwieriger wird es, wenn der PP zwei zueinander gegensätzliche Prioritäten hat. Zum Beispiel, dass sein Chara einerseits das sexy, kühle Arschloch und gleichzeitig super-beliebt in seinem Umfeld sein soll. Da frage ich mich, wie der Kerl bei allen beliebt sein kann, die er trifft? Klar kann er Freunde haben, aber es ist einfach unrealistisch, wenn alle möglichen Personen auf jemanden fliegen, der sie ignoriert oder scheiße behandelt. Genauso verhält es sich oft mit den Finanzen. Wenn mein Chara irgendwo im Büro arbeitet, muss ich mich doch fragen, wie er sich ein riesiges Loft in einer teuren Großstadt leisten kann, zusätzlich zu seiner Luxuskarosse und den Designer-Klamotten. Ach ja, und kennt ihr diese Charas, die mega sportlich und muskulös sind, aber niemals Sport machen?

Vielleicht nicht ganz so wichtig

Langsam kommen wir in dem Bereich, in dem man je nach persönlichen Vorlieben geneigt ist, ein Auge zuzudrücken. Der Chara hat ein Studium, für das er eigentlich noch 1-2 Jahre zu jung ist? Das bedeutet wohl, dass der PP keine große Lust hatte, den Hintergrund sauber zu recherchieren. Für manche ein No-Go, für manche nur ein Schulterzucken wert. Das Gleiche gilt für Reisezeiten. Der Chara besucht jemanden, der am anderen Ende von New York wohnt mitten in der Rush-Hour und ist binnen zehn Minuten da? Unwahrscheinlich … aber vielleicht auch nicht so wichtig? In dieser Kategorie entstehen Realismuslücken meist aus Faulheit. Da kommt es auf die Prioritäten an – wie wichtig ist es mir, dass das alles genau so auch wirklich passieren könnte? Oder ist es mir mehr wert, mir die halbe Stunde Recherchezeit zu sparen und sie lieber ins Schreiben des Posts zu investieren, damit die Geschichte weitergeht?

So macht’s mir aber mehr Spaß

Dann sind da noch die Punkte, bei denen wir wissentlich den Realismus-Regler runterdrehen. Das beste Beispiel sind wohl Erotik-Szenen. Die wenigsten Spieler haben Lust, ihre Charaktere erst durch einen HIV-Test zu jagen, bevor sie sie Sex haben lassen. Kondome werden gerne weggelassen und in Boyslove-Plays manchmal auch das Gleitmittel. Und dann ist da noch die Tatsache, dass viele Schwule gar keinen Analsex praktizieren, wohingegen es in RPGs keine Frage ist. Ach ja, und die Positionen! Ich persönlich mache mir manchmal Skizzen, um festzustellen, ob Chara A im Moment tatsächlich mit seiner Hand da rankommt, wo er rankommen soll. Aber das ist alles eine Frage der persönlichen Prioritäten. Ich finde nichts Schlimmes dabei, wenn man den Realismusgrad aufgrund des Spaßfaktors in einigen Aspekten des RPGs ein wenig runterdreht – egal ob es nun um das Beispiel mit dem Studium oder den Sex geht. Wichtig ist, dass alle beteiligten Spieler glücklich mit der Umsetzung sind. Wie immer kann Kommunikation hier wahre Wunder wirken, wenn man den anderen nicht versehentlich vor den Kopf stoßen will.

Deine Meinung ist gefragt!